Steinlach-Wiesaz Ferien-Blog: Kirche anderswo

Kennen Sie das auch: Im Urlaub durch einen Ort, eine Stadt schlendern, Eis essen, Kaffee trinken, flirrende Hitze vor dem Fenster, Schweißperlen auf der Stirn. Und dann? Steht es da – ein besonderes Gebäude, eine Kirche.

Mag es noch so ein fremdes Land sein, Kirchen fühlen sich für mich immer wie ein Nach-Hause-Kommen an. Kein anderer Ort gibt mehr das Gefühl der Beständigkeit wie eine Kirche. Wie ein Fels in der Brandung stehen sie immer an demselben Platz, überdauern die Zeit und bilden einen Ort der Ruhe, des Gebetes und der Einkehr. Kirchen haben ihr eigenes Klima. Dabei ist es völlig unerheblich, ob es sich um eine kleine bescheidene Kapelle oder eine imposante Kathedrale handelt. Und (zum Glück) hat jeder seine eigene „Lieblingskirche anderswo“, wohin er gerne zurückkehrt
(in der heutigen Zeit vielleicht eben nur in Gedanken und Erinnerungen).
Meine absolute „Lieblingskirche anderswo“ ist noch nicht einmal fertig gebaut und dennoch berührt sie mich auf eine ganz besondere Weise. Es ist die Basilika Sagrada Familia in Barcelona. Dieses Gotteshaus stammt vom katalanischen Künstler und Architekten Antonio Gaudi. Der Bau der Sagrada Familia begann bereits 1882, ist jedoch bis heute noch nicht abgeschlossen. Diese Kirche beeindruckt mich aber nicht durch ihre Größe oder Berühmtheit, sondern durch ihre Außergewöhnlichkeit.
Sie besteht aus Elementen, die an natürliche Symbole erinnern. Die gewölbten Bögen ähneln Bäumen und machen das Kirchenschiff zu einem prächtigen Säulenwald. Neben dieser Symphonie aus Meißelsteinen, Farbe, Schnecken und Glasmalerei gibt es zahlreiche Skulpturen und andere Spitzen, die Tiere und Pflanzen aus der Bibel darstellen. Trotz ihrer Größe spüre ich dort Leichtigkeit und bin immer wieder davon fasziniert, wie durch das natürliche Licht der Sonne die an sich eher in Beigetönen gehaltene Kirche in unglaublichen und immer wieder neuen Farben erstrahlt.
Die Bauphase der Sagrada Familia dauert nun schon mehr als 130 Jahre an und Gaudi wusste sehr genau, dass das Projekt nicht zu seinen Lebzeiten fertiggestellt werden konnte. Als er 1926 starb, waren nur eine Fassade, ein Turm und ein Teil der Außenseite der Apsiswand fertiggestellt. 1936 wurden Gaudis Pläne, Entwürfe und Modelle, die der Architekt als Leitfaden für seine Nachfolger hinterlassen hatte, zerstört. Die Arbeit verzögerte sich um etwa zehn Jahre. Die neuen Architekten mussten zusammenarbeiten, um die Pläne neu zu entwerfen und gleichzeitig Gaudis Vision so treu wie möglich zu bleiben.

Wenn die Fristen eingehalten werden, wird der Bau der Sagrada Familia im Jahr  2026 – also 100 Jahre nach Gaudis Tod – abgeschlossen sein und insgesamt 144 Jahre angedauert haben (zehnmal länger als für die Große Pyramide von Gizeh).
Und das ist genau das, was mich an dieser Kirche ebenfalls fasziniert und was mich diese Kirche immer wieder lehrt:
Geduld!

Geduld, die den Mut hat, zu warten und die Hoffnung nicht aufzugeben.
Geduld, bei der es eben nicht heißt: „Herr schenke mir Geduld, aber bitte sofort“,
sondern die Geduld, die mit Glauben und Gottvertrauen zu tun hat.
Die Geduld, die wir gerade jetzt brauchen und die jetzt mehr denn je auf eine harte Probe gestellt wird.
Die Geduld und das Gottvertrauen, das in der Sagrada Familia eben schon über 130 Jahre andauert!

Geduld haben ist eine Kunst...

  • bis Zweifelnde glauben
  • bis Müde Kraft bekommen
  • bis unter Schmerzen Leidende Linderung erfahren
  • bis Mutlose Selbstvertrauen finden
  • bis Traurige wieder fröhlich werden
  • bis Streitende sich versöhnen
  • bis Irrende den Weg finden
  • bis Verzweifelte neue Hoffnung schöpfen
  • bis unsere Herzen mit Gottes Liebe gefüllt werden
  • bis wir zusammen mit Jesus Christus in Gottes Welt ankommen

Darum lohnt sich die Kunst, Geduld zu haben. Amen.
(Ralf Krust)

Geduld

(28.08.2020)